Was mir sonst noch auffiel

Bedeutungsänderungen
Nannte man früher jemanden "blöde", war damit gemeint, er oder sie sei schüchtern, bescheiden. Es handelte sich also um etwas durchaus Positives, während "blöde" heutzutage als Schimpfwort verwendet wird.
Umgekehrt ist es bei dem Wort "irr(e)", das in unserer Zeit eine Aufwertung erfuhr, etwa bei "ein irres Gefühl" oder, noch etwas gesteigert, in der Zusammensetzung "echt irre".
Solche Bedeutungswandel ins Gegenteil gibt es sicherlich noch mehr, wobei zwischen dem ursprünglichen und dem heutigen Sinn Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte liegen. Es kommt aber auch vor, daß dasselbe Wort zur gleichen Zeit (der unsrigen) konträr verwendet wird. "Verdammter Mist!" zum Beispiel ist ein Ausruf starken Ärgers; aber wenn jemand bei einem Unfall "verdammtes Glück" gehabt hat, kann er darüber froh sein. Und während man einem "tollen Hund", der sehr gefährlich werden kann, lieber nicht begegnet, wird ein "toller Hecht" bewundert. (Das Wort "toll" für sich machte ebenfalls eine Wandlung vom Schlechten zum Besseren durch: ursprünglich bedeutete es soviel wie verrückt, ja wahnsinnig; heute dagegen wird es fast ausschließlich anerkennend und lobend verwendet. Seinen früheren Sinn kennen nur noch verhältnismäßig wenige.)

Die Vorsilbe un-
Widersprüchlich erscheint auch der Gebrauch der Vorsilbe "un-". Unkosten sind in Wirklichkeit Kosten (und nicht das Gegenteil von ihnen, also Gewinne). Mit "Unmenge" meint man nicht etwas Geringfügiges, kaum Wahrnehmbares, sondern im Gegenteil sehr viel. Und ein "Unwort" ist, wie man es auch dreht und wendet, ein Wort! Was für eine (Un)logik! Wie uns die Germanisten erklären, hat die Vorsilbe "un-" zweierlei Bedeutung: sie dient sowohl der Verneinung wie der Verstärkung.

Die Vorsilbe ent-
Jemanden entehren heißt, ihm seine Ehre zu nehmen, ein Gefäß zu entleeren jedoch nicht, ihm die Leere zu nehmen, d. h. es zu füllen – nein, es soll leer gemacht werden. Richtig wäre also leeren, was es glücklicherweise auch gibt, sogar öfter als das irreführende Entleeren.
Und was meint man mit "entflammen"? Bedeutet es etwa: die Flammen löschen – oder nicht doch das genaue Gegenteil: etwas anzünden, in Brand setzen? (Anmerkung: es gibt auch das Verb "flammen", das auf dieser internationalen Sprachenseite komplett durchkonjugiert wird.)

Starke und schwache Beugung
Früher sagte man "Zum Abschied hat er mir gewunken". Das soll nach dem Duden nur noch zur Umgangssprache gehören; richtig sei "gewinkt". Diese Festlegung stößt in verschiedenen deutschen Landschaften auf Widerspruch und wird dort als befremdlich, wenn nicht gar als falsch empfunden.
Der Übergang von "starker" zu "schwacher" Beugung ist nicht ungewöhnlich, doch findet er nicht konsequent statt. Dies kann vor allem bei ähnlich klingenden Wörtern irritieren. Zwar heißt es, der Fahrer eines Autos habe geblinkt (und nicht geblunken), aber wenn ein kleines Kind sagt, es habe "getrinkt", wird es korrigiert: es soll sagen "getrunken". Und natürlich hat es auch nicht irgendwo "gestinkt", sondern "gestunken".

Eigentümlicher Infinitiv
Man sagt nicht: "Das hätte er sich denken gekonnt", sondern "Das hätte er sich denken können." Ebenso: Das habe ich kommen sehen. Das hättest du nicht tun dürfen. Niemals habe ich ihn so laut sprechen hören. Keiner hat uns das erklären wollen. Er hätte es eigentlich wissen müssen, oder ihr hättet es ihm sagen sollen. Sie hat sich nichts anmerken lassen.

Verdreht
In Norddeutschland mußte ich mich erst an Sätze wie diesen gewöhnen: "Wir konnten nicht hinfahren, weil unser Auto war kaputt." Oder an: "..., weil das geht ja eigentlich nicht."

Wie ist es richtig?
"Mit rotem, erhitztem Gesicht ... " Oder: "Mit rotem, erhitzten Gesicht ... " Beides wird gesagt, doch vermute ich, daß nur das erste richtig ist. (Nach "mit" steht einheitlich der Dativ.)

Ohne und mit
Neulich sagte jemand: "... ohne den Leuten". Das hört sich zwar schauderhaft an, steht aber in Parallele zu: "... mit den Leuten". In Berlin kann man auch hören: "... mit die Leute".

Aufmerksam
Ich kannte eine junge Ausländerin, die sehr gut deutsch sprach. "Die Deutschen", meinte sie, "machen einen Fehler: sie sagen der einzigste; richtig ist aber der einzige."

Fehlender Bindestrich, falsche Getrenntschreibung
"Physik und Mathebücher zu verkaufen"
"Unschärfe Theorie" (für Unschärfetheorie, Heisenberg)
"100 Meter Läufer" (Fußbodenbelag für langen Flur?)
"Salz und Pfeffer Rauschen" (Salz- und Pfeffer-Rauschen: besondere Art von Bildstörung)
"Meine Erfahrung als Physik, Mathe und Informatik Lehrer an einem Gymnasium ..."
"Wenn in dem Bericht etwas Konkretes steht, dann, das es keine Augen oder Zeitzeugen gab!"
"... den gesamt Strom der Anlage berechnen"
"Ich habe Versucht, die Aufgabe mit einem Kräfte Dreieck zu lösen."
"... oder gehste noch zur Behinderten Schule?"
"Du Irrelewandes Stück Ameisen Haufen."
"ich bin Hunde müde"

Fehlendes t
"Das hälst du nicht aus."

Seltsam
Einen Achtzigjährigen nennt man einen alten, einen Siebzigjährigen einen älteren Herrn.
"Ein zusammenhängender Wald heißt Baum." (Graphentheorie, vielfach im Internet zu finden)

Unlogische Antwort
Morgens, beim Blick aus dem Fenster: "Es hat nicht wieder neu geschneit." "Nein."

Wer?
Polizisten nahmen die Täter fest, wurden nach einer Feststellung der Personalien aber wieder freigelassen.

Lustig
Aus einem Mathematik-Diskussionsforum. A schreibt:
"Kann man ganz sicher nicht sagen das die obige Definition meßbarer Funktionen nicht äquivalent zu der Definition ist die aussage das eine Funktion meßbar ist wenn die Urbilder offener Mengen unter dieser Funktion Element der Borel-Sigma-Algebra sind?"
B: "Hä?!"
Etwas später, C: "Habe ich denn nicht gerade noch geschrieben, dass du bitte auf dein deutsch achten sollst?"
Darauf wieder A: "Mein 'deutsch' ist ganz korrekt in dem von dir zitiertem Absatz. Oder meinst du mit: auf mein Deutsch 'achten' das ich darauf achten soll möglichst irgenteinen seltenen Dialekt zu verwenden? Naja egal, und ja du hast geschrieben das ich auf mein Deutsch achten soll, und obwohl du nicht meine Mutter bist habe ich dies natürlich dennoch getan, aber Fehler können ja trotzdem passieren ..."

"trotz"
Heißt es "trotz des schlechten Wetters" oder "trotz dem schlechten Wetter"? Von der Logik her kommt nur der Dativ in Betracht: ich trotze dem Wetter, biete ihm Trotz. Der Genitiv ist unsinnig. Dennoch wird er hierbei meistens verwendet. In mehreren Grammatik-Publikationen des Internet heißt es, daß er in der Schriftsprache richtig sei und der Dativ höchstens umgangssprachlich oder regional Verwendung finde. So geschieht es leicht, daß als ungebildet angesehen wird, wer "trotz dem schlechten Wetter" sagt.
Bei genauerem Hinsehen findet sich allerdings auch Gegenteiliges, das dem Gebrauch des Dativs Recht gibt. Daß dieser vor noch nicht allzu langer Zeit bei "trotz" üblich war, schließe ich aus dem amüsanten Artikel [1] mit der Überschrift "Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod". Dort steht, daß im Falle von "trotz" dem Genitiv "die feindliche Übernahme gelungen" sei. In [2] las ich, daß "in etlichen Fällen der nach bisherigem Sprachgebrauch und Sinn gebotene Dativ durch den Genitiv ersetzt" wird. Zu den dabei genannten Beispielen gehört "trotz". In [3] steht "trotz" ebenfalls mit dem Dativ und dem Zusatz: "heute auch mit Genitiv", während es in [4] ohne Kommentar heißt: "Präposition beim Dativ: ... seit, statt, trotz, über ...".
Man sieht: die Sprachgelehrten sind sich nicht einig. "Trotz dem schlechten Wetter" zu sagen, ist korrekt und höchstens ein wenig altmodisch. Im Internet las ich "Exportleistung steigt im September, trotz dem starken Euro". Das entspricht meinem Verständnis des Wörtchen "trotz", nicht jedoch "Trotz gültigen Visums".
[1], [2], [3] [4]

"entgegen"
Man geht jemandem entgegen und nicht jemandes. "Entgegen der bundesweiten Statistiken ... " ist falsch.

"Wie dem auch immer sein mag ... "
kann man, wenn auch selten und in Varianten, lesen und hören. Wie kommt wohl hier der Dativ zustande?

Hübscher "Dativ": "Aber es tut dessem keinen Abbruch, ..."

Grausam
"wider besseres Wissens" (in einem Artikel einer angesehenen Zeitung)

g,j,ch
Das G wird in Berlin am Anfang eines Wortes oft wie ein J gesprochen, am Ende auch wie ch bei "ich". So zum Beispiel in dem alten Reklamespruch, dessen Verfasser mir unbekannt ist: "Ach schäl' mir doch 'ne Jurke, Mutta./ Nich nötich, Kind, die is' so zart wie Butta,/ so frisch und jrün wie die Natur im Lenz/ denn sie war einjelegt in Essich aus Essenz." – Im thüringisch-sächsischen Sprachraum verwandelt sich g bisweilen in ch, wenn es im Innern eines Wortes steht. Goethe, der in Frankfurt am Main geboren wurde, aber lange in Weimar lebte, soll so wie die dortigen Einwohner gesprochen haben. Dies schließen manche Sprachforscher daraus, daß Gretchen im "Faust" zu Maria betet: "Ach, neige,/ du Schmerzensreiche, ..." – ein solcher Reim wäre wohl sonst nicht zustande gekommen. (Andere meinen, daß hier Goethes Frankfurterisch durchgeschlagen habe.)
Der Wechsel von g zu ch kann auch Politisches berühren. Bei einer Stadrundfahrt durch Dresden erwähnte der Erklärer eine zur "DDR"-Zeit an einem großen Gebäude sichtbar gewesene Inschrift, die die Dresdner so aussprachen: "Der Sozialismus siecht!". Derartige regimekritische, ironische und sinnverdrehende Äußerungen sowie Witze waren verboten und wurden streng bestraft, vgl. hier und hier. Erwünscht war dagegen so etwas.

"glauben" mit Dativ und Akkusativ
Man sagt "Ich glaube den Worten" ebenso wie "Ich glaube die Worte". Bei Personen dagegen ist der Akkusativ ungebräuchlich: "Ich glaube dir" heißt es richtig; "Ich glaube dich" wäre falsch.
So lautet die Regel. Von ihr gibt es eine wenig bekannte Ausnahme in dem Kirchenlied "Wir glauben Gott im höchsten Thron", Text von Rudolf Alexander Schröder1. Der Anfang läßt das Besondere an ihm noch nicht erkennen, aber es geht weiter mit "wir glauben Christum, Gottes Sohn". Wäre der Dativ gemeint, hätte es "Christo" heißen müssen. Die zweite Strophe beginnt mit "Wir glauben Gott, den Heilgen Geist" (nicht: dem Heilgen Geist), und dieser ungewöhnliche Gebrauch des Akkusativs wiederholt sich mehrfach im weiteren Verlauf des Liedes.
Rudolf Alexander Schröder war ein wortmächtiger Mann: ein berühmter, hochdekorierter Dichter und Übersetzer. Deshalb ist zu vermuten, daß er mit seiner Kasuswahl eine besondere Absicht verfolgte – nur fragt sich: welche mag es gewesen sein? Ich wundere mich, daß sich anscheinend kein Theologe (und kein Sprachwissenschaftler, Germanist) kommentierend darum gekümmert hat. Jedenfalls fand ich trotz intensiver Suche im Internet nichts darüber.
1Evangelisches Gesangbuch Nr. 184, Text hier: http://www.fernsehgottesdienst.de/Dresden05_Ablauf.pdf, Seite 4

Ein amüsantes Erlebnis im Ausland
Mit meinem Schulfranzösisch und einigem, das ich inzwischen hinzulernte, komme ich in Frankreich im allgemeinen ganz gut durch. Nur einmal ging's dabei schief. In einem französischen Hotel redete die Dame am Empfang in mehreren Sätzen auf mich ein, und ich verstand kein Wort. Auf meine Frage, ob sie dasselbe auf Englisch wiederholen könnte, antwortete sie: "It is English."

- an einem Geschäft in Brügge (Belgien)

In Norddeutschland gebräuchlich: "außen vor"
Hierzu gibt es im Internet eine sehr ausführliche, vorgelesene und durch ein Video unterstützte Erklärung: http://www.belleslettres.eu/artikel/aussen-vor.php mit zahlreichen Hinweisen auf weitere sprachliche Besonderheiten im Deutschen.

Seltsame Partizipialkonstruktion:
"zu nachtschlafender Zeit".

Nett übersetzt
"Bosco verde" - Name eines italienischen Restaurants im Berliner Stadtteil Grunewald

Ohne ß
"Maass-Stab" für "Maßstab", enthalten in einem Artikel über die Madonna di Foglio von Raffael und andere berühmte Mariengemälde, anläßlich der Sonderausstellung "Himmlischer Glanz" in Dresden, 6.9.11-8.1.12. (Siehe auch "Masse und Maße".)

Und noch etwas, aus dem rein sprachlichen Rahmen heraustretend:
Über Bildung

Über Zeichensetzung
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