Dem oder den?

Am vergangenen Sonntag sangen wir im Gottesdienst das Lied "Wir glauben Gott im höchsten Thron" mit dem Text von Rudolf Alexander Schröder, das ich vorher noch nicht kannte. Dabei fiel mir auf, dass es in der zweiten Zeile heißt: "wir glauben Christum, Gottes Sohn". Wäre der Dativ gemeint, d. h. dass wir dem Heiland glauben, müßte dort Christo stehen. Hierbei handelt es sich nicht um einen Irrtum, einen Fehler im Lateinischen, sondern der Akkusativ wird im weiteren Verlauf des Liedes mehrfach wiederholt: "Wir glauben Gott, den Heilgen Geist, den Tröster ...", ..., "Den Vater, ..., den Sohn, ..., den Geist ...". Es ist anders als in unserer gewöhnlichen Sprache: niemals sagen wir zu jemandem "ich glaube dich", sondern immer nur "ich glaube dir". Der Textautor des Liedes muß sich also bei seiner Fallwahl etwas Besonderes gedacht haben. Was mag es gewesen sein?

Darüber scheint von Theologen, vielleicht auch von Germanisten, wenig nachgedacht worden zu sein. Jedenfalls konnte ich keine Kommentare dazu im Internet finden. Meine Ansicht ist die folgende:

Wenn Rudolf Alexander Schröder schreibt: "wir glauben den Vater" usw., ohne das Wörtchen "an", das Unklarheit gar nicht erst aufkommen lassen würde, dann hat das Lied etwas Konstruierendes an sich, als ob Gott, Jesus Christus und der Heilige Geist nicht schon existierten, sondern erst durch unser Glauben entstehen oder geschaffen werden. Es ähnelt denkbaren Gedichtszeilen wie "Ich singe die Freiheit" oder "Ich träume den Frieden". Bei ihnen sind die Freiheit, der Frieden noch nicht verwirklicht, sondern lediglich als Idee, als Wunschtraum im Kopf und im Herzen des Dichters vorhanden.

So interpretiert, gerät das Lied in die Nähe des Wortes von Ludwig Feuerbach: "Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde." Diese Umkehrung von 1 Mose 1,27 wird von Atheisten gegen den Glauben ins Feld geführt. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass unser Liedtextautor in diese Richtung dachte. Unter schwierigen Bedingungen und Gefahren predigte er während der Nazizeit als berufener Laie Gottes Wort, ohne, wie es andere taten, damit dem Regime nahe zu sein und zu dienen, vgl. hier (Wikipedia).

Das Lied steht als Nr. 184 im Evangelischen Gesangbuch der Nordelbischen Kirche. Der Text stammt aus dem Jahre 1937. Seine Melodie ist von Christian Lahusen. Sie entstand, wie dort vermerkt, noch vor 1945 und erhielt ihre endgültige Fassung 1948.

Ludwig Feuerbach1 war ein sehr produktiver, gesellschaftlich engagierter Philosoph, der manches unterstützte und später verwarf, darunter Eigenes. Sein "Hauptwerk", so steht auf der Wikipediaseite über ihn, trägt den Titel "Das Wesen des Christentums". Sein oben zitierter Satz stand auf einem Feuerbach-Denkmal in Nürnberg. Es wurde von den Nationalsozialisten zerstört, nach dem Kriege wiederhergestellt und von Gegnern immer wieder beschmiert.
1 Nach seinem Bruder Karl Wilhelm, Mathematiker, ist ein besonderer Kreis benannt, der durch neun markante Punkte eines Dreiecks geht. (Diese Entdeckung gilt manchen Kennern als eine "Perle" der Geometrie. Eine ganze Kette solcher Perlen wird Mathematikliebhabern hier präsentiert.)

Nachtrag: R. A. Schröders glauben mit dem Akkusativ bei Personen ist nicht einmalig, sozusagen eine Spezialität von ihm, wie ich erst dachte. Es gibt vielmehr mindestens drei weitere Beispiele dieser eigentümlichen Konstruktion:
a) "(2) 'Ich glaube die Gemeinschaft der Heiligen.' " (https://www.dbk.de/fileadmin/~communio_sanctorum.pdf, S. 14);
b) Wikipedia, Abschnitt "Frühes Christentum": "Paulus glaubte Jesus Christus in seiner neutestamentlichen Theologie als göttlichen Erlöser der Menschheit und Sohn Gottes." (Wäre hier der Dativ gemeint, müßte es "göttlichem Erlöser" heißen.)
c) Goethe, Faust 1: "Faust: Mein Liebchen, wer darf sagen: Ich glaub an Gott? .... Margarete: So glaubst du nicht? .. Faust: Mißhör mich nicht, du holdes Angesicht! Wer darf ihn nennen? Und wer bekennen: »Ich glaub ihn!«? Wer empfinden, und sich unterwinden zu sagen: »Ich glaub ihn nicht!«? ..."

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