Religiöse Unduldsamkeit

Unduldsamkeit in Glaubensdingen ist ein seit Jahrtausenden und weltweit verbreitetes Übel. Es betrifft die meisten großen Religionen - alle zu schreiben, wage ich nicht, denn darüber weiß ich insgesamt zu wenig.

Unduldsam ist man noch nicht, wenn Nachbarn, Arbeitskollegen oder Fremde in der Öffentlichkeit durch äußere Kennzeichen und bestimmte Handlungsweisen ihren Glauben demonstrativ zum Ausdruck bringen und man daran zwar selber innerlich Anstoß nimmt, aber schweigt, um sie nicht zu verletzen. Hierbei ist man im Gegenteil duldsam; man erduldet, erträgt das Geschehen, ohne ihm zuzustimmen. Ein Fremdwort für diese Haltung ist Toleranz. Sie kann manchmal schmerzlich sein.

Unduldsamkeit beginnt bei solchen Gelegenheiten erst mit herabsetzenden, tadelnden Gesten und Worten. Sie wird verstärkt durch Abgrenzung von denen, die nicht so glauben wie man selbst, und kann sich zu Aktionen steigern, die gegen die Betreffenden gerichtet sind. Derartiges geht manchmal von Einzelpersonen aus, oftmals jedoch von religiösen Gruppen, nicht selten in Verbindung mit staatlicher Gewalt.

Millionenfach waren und sind bis heute die Opfer religiöser Intoleranz. Sie alle, wenn auch nur summarisch, aufzuzählen, ist hier nicht der Ort; dafür gibt es genügend, vor allem historisch ausgerichtete Bücher sowie Darstellungen im Internet. Mehr oder weniger willkürlich hebe ich deshalb nur einzelne Beispiele hervor.

Eines der berühmtesten war Jesus Christus. Fanatisierte Angehörige seines Volkes brachten ihn wegen "Gotteslästerung" um. Und der erste Märtyrer der von ihm verkündeten neuen Lehre war der später heilig gesprochene Stephanus. An dessen Steinigung beteiligte sich der nicht lange danach zum Apostel bekehrte Paulus. Als dieser noch Saulus hieß, war er ein wütender Christenverfolger, der alles daran setzte, die Gemeinde Jesu auszurotten (Apg 8,3).

Physische Vernichtung Andersgläubiger war zu den Zeiten des Alten Testaments gang und gäbe. Dieser Teil der Bibel ist voll davon. Die Israeliten befanden sich in ständigem Kampf mit ihren Nachbarvölkern, die nicht JHWH zum Gott hatten. Bei militärischen Siegen brachten sie erbarmungslos und entgegen dem Fünften Gebot Männer, Frauen und Kinder um, und wenn das Kriegsglück ihren Gegnern hold war, taten diese es genauso, ebenfalls religiös motiviert. Auch die in der Bibel lobend hervorgehobene "Landnahme" Kanaans geschah gewaltsam; angeblich wurde es den Eindringlingen von Gott geschenkt. Paulus erwähnt bei einer Rede in der Synagoge zu Antiochia (Apg. 13,14ff.) ungerührt, daß Gott dabei zugunsten der Israeliten sieben Völker ausrottete.

Aus religiösen Gründen ermordet wurden aber auch eigene Leute, so ein Teil der alttestamentarischen Propheten. Hierüber klagt die Bibel an verschiedenen Stellen (1Thess 2,15f; Mt 23, 29-31; Lk 11, 50).

Als sich Jesu Lehre stärker ausbreitete, setzten im ganzen damaligen römischen Herrschaftsgebiet heftige Christenverfolgungen ein. Sehr bekannt ist, daß gefangene Christen in Rom zur Belustigung eines verrohten Publikums, zu dem auch der Kaiser gehörte, wilden Tieren vorgeworfen wurden; ebenso wird berichtet, daß Kaiser Nero einen großen Brand Roms den dort lebenden Christen zur Last gelegt haben soll, wodurch diese noch schwerer zu leiden hatten.

Auch das Umgekehrte gab es: "Christen" (oder solche, die sich so nannten) gingen ihrerseits auf "Ungläubige" los. In Alexandria lebte eine vielbewunderte, "heidnische" Philosophin und Mathematikerin namens Hypatia. Sie wurde von blindgläubigen Anhängern ihres Bischofs und möglicherweise in seinem Auftrag ermordet; dies war der Anfang ausgedehnter Verfolgung von Nichtchristen.

Als die christliche Lehre unter Kaiser Konstantin zur Staatsreligion wurde, breitete sie sich auch in Mittel-, Nord- und Osteuropa aus. Dies geschah nicht immer mit Einverständnis der dortigen Bevölkerung, sondern oftmals mit Gewalt. Dabei waren Zwangstaufen ein häufig angewandtes Mittel - ganz im Gegensatz zu dem, was Jesus verkündet hatte.

In unserer Zeit hat im Vergleich zu früher die Unduldsamkeit der Kirche und der das Christentum ausbreitenden Missionare gegenüber anderen Religionen und Glaubensbekenntnissen merklich abgenommen.

Über den heiligen Nikolaus

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