Rückschlag und Wiederaufrichtung

etwas aus meiner Anfangszeit im Glauben

Nach dem Gottesdienst – ausgerechnet am Sonntag Lätare – schlich ich traurig, missmutig, ja fast wie betäubt, nach Hause, das erste Mal seit einem halben Jahr, in dem ich ihn wieder regelmäßig besuche.

Was war geschehen?

Thema der Predigt war das Abendmahl. Zugrundegelegt wurden ihr die Worte des Johannes-Evangeliums (Joh. 6, 55-58):

Mein Leib ist die lebensnotwendige Nahrung, und mein Blut ist der lebensspendende Trank. Wer meinen Leib isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir, und ich bleibe bei ihm. Ebenso wird jeder, der meinen Leib isst, durch mich leben...

Es sprach ein anderer Pastor als gewöhnlich, der den unseren vertrat. Seine Ausführungen begann er sinngemäß mit den Worten: ''Mir sagte kürzlich jemand, der sich durchaus für einen gläubigen Christen hält, er könne mit dem Abendmahl nichts anfangen, habe keine Beziehung dazu. Deshalb möchte ich an diesem Sonntag die Bedeutung des Abendmahls näher erläutern." Darauf war ich gespannt, hatte ich doch beim letzten Gottesdienst selber nach langer Zeit zum ersten Mal wieder daran teilgenommen.

Ausführlich schilderte der Pastor die positiven, emotionalen Wirkungen gemeinsamer Mahlzeiten auf die daran beteiligten Personen im allgemeinen und auf die christlichen Gemeinden im besonderen, die dadurch gefestigt würden. Kein Wort davon (worauf ich eigentlich gewartet hatte), dass Jesu Äußerung nur symbolisch gemeint seien; vielmehr gewann ich im Laufe der Predigt zunehmend den Eindruck, dass man die Begriffe ''Leib'' und ''Blut'' ganz und gar wörtlich zu verstehen habe. (Während ich aufmerksam zuhörte, fiel mir für einen Augenblick ein, dass es in der katholischen Kirche in diesem Zusammenhang wohl sogar etwas gibt, was mit ''Wandlung'' bezeichnet wird, d. h., die Gläubigen sollen davon überzeugt sein, dass die ausgeteilte Hostie tatsächlich zum Leib Christi wird und der gespendete Wein wahrhaftig zu seinem Blut.)

Ich war entsetzt. So genau hatte ich mir das Ganze nicht vorgestellt, oder besser gesagt: in dieser Schärfe und Deutlichkeit hatte ich es, wenn ich über das Wesen des Abendmahls nachdachte, stets verdrängt. Ich wollte nicht, dass das, was da im Gottesdienst gesagt wurde, auch wirklich gemeint ist. Und zwar deshalb nicht, weil es mir irgendwie heidnisch vorkommt, fast (man möge dieses Wort hier beim Lesen entschuldigen!) wie Kannibalismus. Bekannt ist ja, dass es in abgelegenen, wenig zivilisierten Gegenden Menschen gibt, die die Körper erlegter Feinde (oder Teile davon) essen und evtl. dazu auch ihr Blut trinken, um sich deren Kräfte und Fähigkeiten anzueignen.

Selber esse ich nicht einmal Fleisch, schon seit über zwanzig Jahren – wie könnte ich da etwas vom Leib unseres Herren Jesus Christus und von seinem Blut zu mir nehmen??

Dass meine Bedenken, ja meine Abneigung hiergegen nicht ungewöhnlich, sondern durchaus verständlich sind, zeigte sich an einer der folgenden Stellen in der Bibel, die der Pastor ebenfalls zitierte (Joh. 6, 60 u. 66):

Viele nun seiner Jünger, die das hörten, sprachen: das ist eine harte Rede; wer kann sie hören? ... Von da an wandten seiner Jünger sich viele ab und wandelten hinfort nicht mehr mit ihm.

Bedeutsam schien mir hierbei die von den Jüngern empfundene ''Härte'' in Jesu Rede – nichts von der sonst vorherrschenden Milde des Heilands ist dabei zu verspüren. Offenbar handelte es sich bei ihr um etwas besonders Ernstes, Grundlegendes, das schwer zu begreifen ist.

Natürlich will ich mich nicht auch von Jesus abwenden, wie es ein Teil seiner Jünger tat; doch fürchte ich, wenn ich seine Rede richtig verstehe, dass er sich von denen abwendet, die nicht seinen Leib essen und sein Blut trinken wollen – aus Ehrfurcht vor ihm!

Dieser Verdacht machte mich im Gottesdienst sehr unglücklich, und so ging ich denn bekümmert und innerlich fast wie erstarrt heim.

Meine Frau, die nicht mit zur Kirche gekommen war, bemerkte meine Verstimmung. Liebevoll wie immer, fragte sie mich, ob etwas gewesen sei, und ich erzählte ihr alles. Sie meinte (und konnte mich bald davon überzeugen), dass die Ausdrucksweise beim Abendmahl doch symbolisch und keineswegs wörtlich zu nehmen sei. Sie begründete es damit, dass Jesus, als er sich gegenüber seinen Jüngern in diesen Bildern (''Leib'', ''Blut'') äußerte, ja noch lebte; und von einem Lebenden könne man weder etwas essen noch dessen Blut trinken. Deshalb erscheint es nicht nötig anzunehmen, dass die beim Abendmal ausgeteilten Speisen (Hostie, Wein bzw. Saft) tatsächlich Teile von Jesu Körper sind.

Zwar ist dies die Ansicht theologischer Laien – wer weiß, was der Pastor über sie sagen würde, wenn ich ihn danach fragte –, doch bin ich durch sie einigermaßen beruhigt und getröstet. Den ''Rückschlag'', der in der Überschrift dieses Teils meiner religiösen Überlegungen und Bekenntnisse genannt ist, habe ich jedenfalls überwunden, und ich bin froh darüber.

(Anmerkungen: hier, auf dieser Seite, schrieb ich später und kürzer noch etwas über das Abendmahl. - In der Frage, ob man beim Abendmahl Christi Leib tatsächlich isst und sein Blut trinkt, oder ob beides nur symbolische Handlungen sind, bei denen wir Seiner besonders intensiv gedenken, wird zwischen Theologen seit mindestens einem halben Jahrtausend gestritten, ohne dass es bis heute zu einer alle verbindenden, einheitlichen Meinung gekommen ist. Hierüber informieren zwei Wikipedia-Artikel: [1] und [2].)

Über das Abendmahl im "Glaubens-ABC" der EKD

Drei aufschlussreiche Artikel einer katholischen Bloggerin zu unserem Thema:
https://katholischlogisch.blog/2018/06/08/abendmahl-und-eucharistie/
https://katholischlogisch.blog/2018/06/25/abendmahl-und-eucharistie-ein-lutheraner-antwortet/
https://katholischlogisch.blog/2019/07/01/kingdom-prefilled/.
Im letzten kommen auch die Wörter "magisch" und "Magie" vor.

Ergänzung
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