Meine Erfahrungen bei den "Zelttagen"

Kürzlich fanden in unserer Gemeinde mit Unterstützung von fünf Nachbargemeinden sogenannte "Zelttage" unter dem Motto "ER sucht SIE!" statt. Ob dieses sehr geschickt gewählt wurde, sei dahin gestellt. Manche kennen es aus dem Internet, denn gibt man es bei Google als Suchwort ein, werden viele Seiten angekündigt, auf denen Männer Kontakt zu Frauen suchen. Dagegen war im vorliegenden Fall mit "Er" natürlich Gott gemeint, und mit "Sie" waren es die Zelttagbesucher.

Ein großer Teil der Veranstaltung war dem Lob Gottes gewidmet. Gott zu loben, ist etwas sehr Altes und Ehrwürdiges. Allein auf musikalischem Gebiet bildet es den Inhalt zahlreicher Psalmen und Kirchenlieder. Eines der bekanntesten, das indessen bei den Zelttagen (nach meiner Beobachtung) nicht vorkam, ist "Lobe den Herren!". Es ist bei aller mit ihm verbundenen Freude ruhig und getragen, im Gegensatz zur heutzutage in den Gemeinden sehr verbreiteten Lobpreismusik, die auch Sacropop genannt wird. Typisch für diesen sind durch Schlagzeug besonders hervorgehobene, stark rhythmische Melodien und eine übermäßige Lautstärke, die mir leicht zu viel wird und Gehörschäden bewirken kann. Ich ahnte also, was mich erwartete, als ich mir vornahm, von Sonntag bis Sonntag (außer Samstag) jeweils mehrere Stunden mit dabei zu sein, und das auch einhielt.

Nicht aus innerer Neigung ging ich hin, weil mich der dröhnende Lobpreis-Sound vom geistlichen Gehalt zu sehr ablenkt, sondern um mitzuhelfen beim Sammeln von Unterschriften für die Freilassung eingesperrter, misshandelter, versklavter, in Einzelfällen auch zum Tode verurteilter Christen in muslimischen und kommunistischen Ländern. Die Unterschriftslisten sollten an die betreffenden Regierungen gesandt werden; bei früheren Gelegenheiten hatten wir bisweilen damit Erfolg. (Übrigens gibt es, was bei uns nur wenig bekannt ist, schwere Christenverfolgungen auch in Indien.)

Der Zustrom der Zelttag-Besucher zu unserem nicht ungünstig aufgestellten Informationstisch hielt sich sehr in Grenzen. Vor allem Jugendliche hatten von alledem keine Ahnung, und nur wenige waren bereit zu unterschreiben. Auch manche Erwachsene lehnten ab oder fragten vorsichtig, ob sie mit ihrer Unterschrift irgendetwas bestellten. Ich bat drei der sechs anwesenden Pastoren, das Schicksal unserer verfolgten und unterdrückten christlichen Schwestern und Brüder mit in die Fürbittgebete des Gottesdienstteils aufzunehmen und auf die Möglichkeit der Unterschriften für sie hinzuweisen. Nur einer versprach es, doch geschah nichts; vermutlich hatte er es anschließend wieder vergessen.

So war ich im Grunde, was diesen Punkt angeht, ziemlich enttäuscht. Zwar erhielten wir im Durchschnitt pro Tag etwa dreißig Unterschriften, aber angesichts der geschätzt fünfhundert Besucher, die jeden Abend zu den Veranstaltungen kamen, hätten es mehr sein können.

Und ich fühlte mich - um auch das noch zu erwähnen - während der Lobpreisphasen einsam und isoliert. Manche Lieder wurden stehend mitgesungen, wobei viele Teilnehmer sich rhythmisch wiegten, hüpften und andachtsvoll die Arme hochreckten. Ich blieb sitzen, weil mir das fremd ist und ich den Eindruck einer von den Musikern auf der Bühne manipulierten Menschenmenge hatte. Froh war ich immer nur, wenn nach einem Lied für einen Augenblick Stille eintrat. Gefallen haben mir mehrere Chordarbietungen ohne die Schlagzeugbegleitung und der Auftritt einer Kindergruppe.

So richtig klar wurde mir auch nicht das Motto der Veranstaltung. Gott hat uns geschaffen, kennt uns genau und braucht nicht nach uns zu "suchen". Jederzeit weiß Er, wo wir sind.

Und ist es nicht viel mehr so, dass wir IHN suchen sollen?

Wenn man das "Suchen" nicht allzu wörtlich, sozusagen räumlich oder örtlich nimmt, sondern eher in dem Sinne, dass Gott auf den Menschen zu kommt, um ihm Gutes zu tun und ihn zu retten, wird das Motto besser verständlich. Um diese Deutung bemühte sich ein Pastor während seiner Predigt mit Hilfe der Jesu zugeschriebenen Gleichnisse vom verlorenen Sohn und verirrten Schaf. Mehrfach wurde dabei, wie auch in den Liedern, behauptet, dass Gott uns "unendlich" liebt. Dem gegenüber scheint das Problem des Leides zu stehen, das Thema einer anderen Predigt war. Dass es das Leid gibt, wurde als ein "großes Geheimnis" bezeichnet, das wir nicht verstehen können.

Anmerkung: Was die Musik im Gottesdienst angeht, so liebe ich die alten Lieder von Paul Gerhardt, Martin Luther, Johann Sebastian Bach, Matthias Claudius, Johann Crüger, Heinrich Schütz und weiteren im Evangelischen Gesangbuch. Unter den modernen Kirchenliedern gefallen mir einige, die nicht rock- oder popähnlich sind, zum Beispiel diejenigen mit Texten des tragisch verschiedenen Jochen Klepper sowie ein Lied mit alter Melodie und neuem, bedeutungsvollem Text von Klaus Peter Herztsch aus dem Jahre 1989.

Nachtrag: Eine gläubige nahe Verwandte machte mich auf Lukas 19,10 aufmerksam: "Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist." Vielleicht dachten diejenigen, die glauben, dass Jesus Gott ist, beim Motto der Zelttage an diese Bibelstelle.

Aus dem Internet: Kritisches über "Worship"- Musik und "Tue hinweg von mir den Lärm deiner Lieder!"

Zurück zur Inhaltsübersicht, Teil 2