Warum Jesus am Kreuz sterben musste

Beim Nachsinnen über Schwieriges sowohl in den Wissenschaften wie im täglichen Leben wird meistens gefragt: "Warum?" und nur selten "Wozu?"

Beides ist nicht dasselbe. Mit "Warum?" fragen wir nach den Ursachen, mit "Wozu?" nach dem Sinn, dem Zweck, dem Ziel von etwas Bestimmtem.

Und weil wir so selten nach dem Wozu? fragen, sondern fast immer nur, warum etwas so ist (oder nicht ist), ist es auch nicht ganz leicht, je ein Beispiel für die beiden verschiedenen Fragestellungen anzugeben, die den Unterschied klar machen. Das Folgende möge dazu dienen:

Offensichtlich hat es keinen rechten Sinn zu fragen, warum im Straßenverkehr auf einer Seite gefahren wird. Dafür gibt es keine Ursache, auf die man es zurückführen könnte, wohl aber einen Zweck: dieser besteht darin, Unfälle möglichst zu vermeiden, die verstärkt auftreten würden, wenn es die betreffende Vorschrift nicht gäbe. Regelungen verfolgen Zwecke, Ziele; sie antworten auf die Frage "Wozu?".

Die erste Art zu fragen, nennt man "kausal", die zweite "final". Der Unterschied zwischen beiden kann auch bei einem geistlichen Thema wie dem in der Überschrift genannten von Bedeutung sein.

In einer langen, ausführlichen Abhandlung darüber, warum Jesus so furchtbar leiden und unschuldig am Kreuz verbluten musste, weist der amerikanische Theologe John Piper einleitend darauf hin, dass es für uns Menschen nicht sehr sinnvoll ist, diese Frage zu stellen (also das "Warum" zu wählen), weil sich, als Folge unserer geistigen Begrenztheit, anscheinend keine klare Antwort finden lässt. Sehr wohl können wir dagegen erkennen, was Jesu unschuldiges Sterben, welches dem Willen Gottes entsprach, für Folgen hatte, oder, anders ausgedrückt: was Gott mit Seinem Ratschluss, Jesus leiden zu lassen, bezweckte.

Diese betont finale Betrachtungsweise ist ungewöhnlich. Im Internet gab es die Abhandlung lange Zeit als PDF-Datei (http://www.clv-server.de/pdf/255534.pdf), die inzwischen nicht mehr aufrufbar ist; statt dessen wird u. a. hier ein Buch von John Piper mit dem Titel Die Passion Jesu Christi angeboten. Aus der Verlagsankündigung zitiere ich:

"Die wichtigsten Fragen, die sich jeder Mensch stellen kann, sind: Warum wurde Jesus Christus gekreuzigt? Warum musste er so viel leiden? Was hat das mit mir zu tun? Und wer schickte ihn letztendlich in den Tod? Jesu Leiden war ohnegleichen. Doch warum musste Christus leiden und sterben? Bei Jesu Tod geht es nicht um die Frage nach der Ursache, sondern um den Sinn - Gottes Sinn. John Piper hat aus dem Neuen Testament 50 Gründe gesammelt. Nicht 50 Ursachen, sondern 50 Ziele Gottes - als Antwort auf die wichtigste Frage, mit der wir alle konfrontiert werden: Was hat Gott für uns Sünder erreicht, als er seinen Sohn sandte, der für uns starb?"

Anmerkung: finis (lat.) heißt "Ende", auch "(End)zweck", "Absicht"; das Gleiche sowie "Ziel" bedeutet unter anderem das griechische Wort telos. Deshalb bezeichnet man das finale auch als teleologisches Denken. Es findet sich sowohl als Gegensatz wie auch als Ergänzung zum kausalen Denken in verschiedenen Wissenschaftsbereichen, s. z. B. bei Wikipedia, und spielte zeitweise auch in der theoretischen Mechanik sowie Optik eine Rolle. (Prinzip der kleinsten Wirkung und des kürzesten Lichtwegs.) Der hierbei verwendete mathematische Formalismus wird bis heute fruchtbringend angewandt, der philosophisch-religiöse Hintergrund – Gott ist "sparsam" und lässt Naturvorgänge so ablaufen, dass bestimmte physikalische Größen minimal werden – dagegen nicht mehr vertreten. In ihm berührten sich Teleologie und Theologie.

https://www.reformiert-info.de/5655-0-56-3.html "Für uns gestorben?" - viel Gerede mit stellenweise etwas "lockerem" Deutsch; macht das, worum es geht, nicht klarer.

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