Verschleppt, entkommen
Eine märchenhafte Erzählung aus alter Zeit
mit Anmerkungen über den Glauben         (Empfehlung: die Fußnoten zunächst überschlagen, um den Lesefluss nicht zu unterbrechen.)

Die sechzehnjährige Anna war, wie einmal jede Woche, vom hochgelegenen Bauernhof ihrer Eltern auf dem Wege hinunter ans Meer. Sie trug ein Paket mit auf dem Hof erzeugtem Käse und einen Korb selbst gesammelter Waldbeeren; beides wollte sie in der Stadt verkaufen. Den von Felsbrocken und losem Geröll unterbrochenen Bergpfad kannte sie seit ihrer Kindheit, und mit sicheren Schritten kam sie gut voran. Nur an einer etwa drei bis vier Häuserbreiten langen Wegstrecke musste sie besonders aufpassen: dort war rechts neben ihr ein steil abfallender Abgrund, vor dem es ihr immer ein wenig schauderte. Links verlief fast senkrecht eine Felswand, und der steinige, unebene Weg zwischen beiden war stellenweise nur zwei Fuß schmal.1

Anna war sehr hübsch, sich dessen aber nicht bewusst, weil niemand es ihr gesagt hatte. Sie war aufgeweckt und konnte sogar lesen und schreiben,2 doch in ihrem Wesen statt lebhaft eher ruhig und bescheiden. Von der Welt "da unten" und von anderen Menschen außer den Eltern wusste sie nur wenig, denn gleich nach der Erledigung ihrer Geschäfte machte sie sich stets auf den Heimweg, ohne sich unnötig in der Stadt aufzuhalten. Dortigen Begierden und Lastern, die man, im Gegensatz zu heute, geheim zu halten suchte, begegnete sie nicht.

Als Anna zu der uralten, aus Feldsteinen erbauten und ihrer Namenspatronin geweihten Sankt-Annen-Kapelle kam, hielt sie ein paar Augenblicke inne, bekreuzte sich und schritt dann frohgemut weiter. Der Himmel war herrlich blau und spiegelte sich in der ausgedehnten See weit unter ihr. Tausende Blüten der das Mädchen umgebenden macchia verströmten ihre verschiedenartigen Düfte.

Nach einer Weile hörte Anna, zwar nicht in der Nähe, aber deutlich, Männerstimmen. Das war ungewöhnlich in dieser einsamen Gegend. Man erzählte sich in ihr alte Räubergeschichten, aber Anna fürchtete sich nicht: wer sollte ihr, dem einfachen und bereits an der Kleidung als arm erkennbaren Mädchen etwas wegnehmen wollen?

Die Männer hörten auf zu sprechen, und zu ihrem nicht geringen Schrecken stand Anna ihnen nach der nächsten Wegbiegung direkt gegenüber. Es waren drei. Sie grüßten nicht zurück, wie es üblich war in den Bergen, wenn sich Wanderer begegneten, und traten auch nicht zur Seite, um Anna durchzulassen. Vielmehr entrissen sie ihr die Sachen, die sie trug, und schleuderten sie zu Boden. Ehe Anna in ihrer Verblüffung etwas sagen konnte, drehte ihr einer der Männer den Arm um und stieß sie vor sich her.

Dabei redeten sie kein Wort, weder zu Anna noch untereinander. Auch das Mädchen beschloss, nichts zu sagen – was hätte es gebracht? Weil sie auf dem unebenen Weg mit zurückgedrehtem Arm schlecht laufen konnte, gab der Mann, der sie antrieb, diesen frei. Anna verbiss den scharfen Schmerz, den ihr die Misshandlung eingebracht hatte, und so setzten die ungleichen Vier, weiterhin schweigend, ihren Weg fort.

Es war nicht derselbe, den Anna vorgehabt hatte, und zu ihrem Erstaunen ging es auf die Burg des die Region beherrschenden Fürsten zu. Sie befand sich auf einer der vielen mittelhohen Berge ringsumher. Anna hatte von ihr gehört und wunderte sich, was sie da sollte, und warum man so grob mit ihr umgegangen war.

An der Burg angekommen, brachten die Männer Anna, wie es ihr schien, in den Regierungssaal des Fürsten. Das war ein großer, nur schwach erleuchteter und im ganzen unheimlich wirkender Raum. An einer Wand saß auf einem erhöhten Stuhl, den Anna für seinen Thron hielt, der Fürst. Vor ihn schleppten die Männer die zitternde Anna, und so konnte sie, wenigstens für einen Augenblick, sehen, wen sie vor sich hatte.

Der Fürst war kein schöner Mann, ganz im Gegenteil. Er hatte ein rundes, ausdrucksloses, von übermäßigem Weingenuss gerötetes Gesicht, war kahl und hatte einen ungepflegten grauen Bart. Sein hochmütiger Blick aus kalten Augen ließen nichts Gutes erwarten. Zu der Gefangenen sagte er nichts, starrte sie nur von oben bis unten an, und falls sie ihm gefiel, war es ihm nicht anzumerken. Dann gab er den drei Menschenräubern einen Wink, so dass sie sich entfernten, und auf eine weitere Handbewegung kamen aus den düsteren Ecken des Saales drei alte Frauen auf Anna zu, die sie vorher noch nicht bemerkt hatte. Sie führten Anna in einen kleineren Raum, zogen sie aus, badeten und parfümierten sie und zogen ihr zum Schluss ein offenbar aus kostbarer Seide bestehendes, durchsichtiges Nachthemd an. Anschließend brachten sie Anna in das Schlafzimmer des Fürsten – jedenfalls hielt sie es dafür – und legten sie in ein riesiges Bett mit einem Baldachin, auf dem eine Krone eingestickt war. Auch die Frauen entfernten sich wortlos.

Anna wusste nichts von dem, was manche Männer von Frauen als einziges wollen und was alles sie daran setzen, um es zu erreichen. Aber sie ahnte, was ihr als nächstes, vielleicht sogar schon in ein paar Minuten, bevor stand.

Sie sprang aus dem Bett und öffnete das Fenster. Die Tür zu öffnen, schien ihr zu gefährlich; davor hätte ein Wächter stehen können. Das fürstliche Schlafgemach lag im Erdgeschoss der Burg. Anna ließ sich an den Zweigen einer Rankpflanze aus dem Fenster gleiten und kam unverletzt im Hof an. Sie fand auch zum Tor, das offen war; so hatte sie es sich, nicht ohne Bangen, erhofft.

Draußen fing sie sofort, und so schnell es ging, an zu laufen – barfuß, doch das war sie gewohnt. Sie wusste auch die richtige Richtung, und schon nach wenigen Minuten lag die Burg ein gutes Stück hinter ihr.

Um diese Zeit betrat der Fürst das Schlafzimmer. Als er Anna nicht fand, war er perplex. Er suchte nicht nach ihr, denn das offene Fenster war deutlich genug. Als Landesherr betrachtete der Fürst alle hübschen Mädchen seines Bereichs als sein Eigentum – oft schon hatte er welche von ihnen sich ins Bett schleppen lassen. Und nun war eine entwischt. Das war unerhört und noch nie dagewesen!

Auch als Mann fühlte sich der Fürst gedemütigt und beleidigt. Schlagartig veränderte sich seine Lüsternheit in Rache- und Mordgedanken. Die Unbekannte, deren Mut ihm unbewusst ein wenig Achtung abnötigte, wollte er unbedingt wieder haben, und dann sollte sie sehen, was bei ihrem Fluchtversuch herauskam! Instinktiv tastete er nach seinem Dolch.

Es war noch nicht lange her, dass die drei alten Frauen die Gefangene ins Bett gebracht hatten – sie zeigten es dem Fürsten mit demütigen Verbeugungen an – ; und so glaubte er, keine schlechten Aussichten zu haben, Anna einzuholen. Trotzdem musste er schnell handeln. Alarm zu geben, Diener und Knechte zur Verfolgung aufzurufen, kam nicht in Frage; dann hätten alle Burgbewohner im Nu von seiner Blamage Bescheid gewusst.

Der Fürst war breiter und dicker als die schlanke Anna3 und auch nicht mehr, wie ihm bei dieser Gelegenheit bewusst wurde, der jüngste. So quälte er sich mit einiger Anstrengung durch das Fenster und kam wie das Mädchen, ohne sich den Fuß zu verstauchen, auf dem Boden des Burghofs an. Auch er wurde, als er durch das Tor eilte, von niemandem angehalten.

Früher konnte der Fürst rasch und ausdauernd durch die Berge laufen; jetzt gaben ihm seine Wut auf Anna und sein Jagdinstinkt einen Teil der alten Kraft und Schnelligkeit zurück. Während allerdings Anna ohne die kleinste Unterbrechung weiter lief, musste ihr Verfolger von Zeit zu Zeit eine Pause einlegen. Dann fuhr er mit den Armen in der Luft herum und ließ die geballte Faust herabsausen, als wollte er seinem Opfer den Schädel einschlagen. Seinen Dolch hatte er nicht bei sich; vermutlich war er ihm beim Herausklettern aus dem Fenster entfallen.

Anna kam an dem eingangs erwähnten, tiefen Abgrund an. Sie musste sich nun darauf konzentrieren, den schmalen Pfad hart an dessen Rand zurückzulegen, ohne dabei einen einzigen Fehler zu machen, der sich verhängnisvoll auswirken konnte. Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sie sich dieser Aufgabe nicht gewachsen. Immer noch war sie furchtbar aufgeregt und musste an all‘ das denken, was hinter ihr lag. Auch schlug ihr durch das anhaltende, schnelle Laufen das Herz bis zum Hals.

Sie suchte sich deshalb seitlich und oberhalb der gefährlichen Wegstrecke ein Versteck, in dem niemand sie finden konnte, falls er überhaupt nach ihr suchte. Sie nahm an, dass der Fürst, der sie vermutlich (und zwar allein) verfolgte, ohne Umschweife den schmalen Pfad betreten und sie dadurch überholen würde.

So geschah es dann auch. Der Fürst, welcher glaubte, dass Anna zurück zu ihren Eltern wollte, erschien eine Viertelstunde später an derselben Stelle. Das Mädchen beobachtete ihn. Den Pfad betrat er zu eilig und nicht ruhig und angemessen langsam, jeden Schritt sorgfältig prüfend, wie es nötig gewesen wäre. Das konnte nicht gut gehen! Als der Mann ungefähr ein Drittel des Wegs geschafft hatte, machte er wieder eine unnötige, unbedachte Armbewegung, die seiner Gemütsverfassung entsprach. Er kam zu heftig an die senkrechte Felswand, prallte von ihr ab und verlor das Gleichgewicht. Mit einem gellenden Schrei stürzte er in den Abgrund. Dieser war mehrere hundert Fuß tief, und eine Felsspalte verschlang den toten Fürsten auf Nimmerwiedersehen.

Obwohl Anna auf diese Weise ihren bösartigen Verfolger los war, schockierte sie das Gesehene doch. Das hatte sie nicht gewollt und trug zum Glück auch keine Schuld daran. Sie fühlte kein Mitleid, sprach aber ein kurzes Gebet für den Toten. Das entsprach ihrer Art, und so war sie erzogen, wenn zu Hause von einem kürzlich Verstorbenen erstmalig die Rede war.

Dann fing sie an zu weinen. Was sie erlebt hatte, war einfach zu viel für sie. Sie warf sich ins Gras und ließ ihren Tränen freien Lauf, hemmungslos. Das dauerte lange, und als sie ausgeweint hatte, fühlte sie sich wundersam gestärkt. Alle Unruhe, alle Angst waren vorbei. Dankbar kniete sie nieder und betete zu ihrer Patronin, der Heiligen Anna.

Jetzt wäre sie sogar imstande gewesen, weiter zu gehen, aber da es anfing, dunkel zu werden, machte sie sich in ihrem Versteck, so gut es ging, ein Nachtlager zurecht.

Noch zwischen Wachen und Einschlafen erschien ihr Sant’Anna, und das Mädchen wunderte sich nicht darüber. Die Heilige lächelte und sprach: "Ich habe dich beschützt, mein liebes Kind, und werde dich auch weiter schützen. Dich und deine Eltern, euer ganzes Leben." Dann verschwand das halbe Traumgebild’, das es wohl war, und Anna schlief zufrieden, dankbar und tief bis weit in den Morgen.

Als sie erwachte, erschrak sie (aber nicht sehr), dass es schon so spät war. Sie sprang auf, sprach ihr Morgengebet und ging hinunter an den Abgrund. Vorsichtig wie immer ging sie den Weg zu Ende, um dann voller Vorfreude auf das Wiedersehen mit den Eltern, leichtfüßig den Berg hinaufzueilen.

Diese hatten sich zwar Sorgen gemacht, als ihre Tochter am vergangenen Tag nicht zurückgekehrt war, doch vertrauten sie auf Gott. Ihr wie Annas Glaube war einfach und unkompliziert; sie kannten keine Zweifel. Gott als Schöpfer und Vater, Jesus als Erlöser, seine Mutter, die Jungfrau Maria, dazu die Heiligen der Kirche waren Gegenstand ihrer Verehrung und Liebe.4

Als Anna dann tatsächlich vor ihnen stand, barfuß, mit einem seltsamen Hemd bekleidet und von Dornen zerkratzt, waren Freude und Erleichterung groß, ebenso die Neugier, was eigentlich los gewesen war. Anna erzählte in Stichworten. Mutter und Tochter lagen sich lachend und weinend in den Armen, während der Vater, ein ernster Mann, ein Dankgebet sprach. Es enthielt auch eine Bitte für das Seelenheil des verunglückten Fürsten. Der Tod löscht alle vorwurfsvollen Gedanken aus. Das war ein uralter, in der Gegend immer noch lebendiger Grundsatz, der nicht der christlichen Religion entsprang.5

*

Und was war am selben Morgen auf der Burg? Alle wussten, dass der Fürst, wieder einmal, mit einem geraubten jungen Mädchen die Nacht zu verbringen vorgehabt hatte. Als er sich jedoch, obwohl es langsam auf die Mittagszeit zuging, immer noch nicht sehen ließ, wurde sein Kammerdiener unruhig. Er fasste Mut und öffnete die Schlafzimmertür einen Spalt. Durch ihn hindurch sah er, dass das fürstliche Lotterbett unbenutzt war. Nun öffnete er, schon beherzter, die Tür ganz, rief nach seinem Herrn und erhielt keine Antwort. Er war verwirrt, und seine Verwirrung nahm zu, als er das offene Fenster bemerkte. Davor auf dem Boden lag der Dolch des Fürsten.

Der Diener tat mit zitternden Knien das einzige, was ihm in dieser rätselhaften und vertrackten Situation einfiel: er ging zu den zwei nächst höheren Herren nach dem Fürsten, seinen beiden Zwillingsbrüdern. Diese saßen gerade beim Frühstück und fühlten sich durch den Diener gestört, doch hörten sie ihn gnädig an. Als er geendet hatte, sprangen sie auf und eilten in das Schlafzimmer ihres Bruders. Alles war so, wie berichtet. Dem Diener befahlen sie unter Androhung der Todesstrafe Stillschweigen; auch sollte er dafür sorgen, dass niemand vom Hauspersonal das Schlafzimmer betrat, um es nach der vermuteten Liebesnacht aufzuräumen.

Danach zogen sich die beiden Brüder zur Beratung zurück. Erst nach längerem Herumspekulieren kamen sie der Wahrheit näher. Der Fürst hatte es offenbar eilig gehabt; andernfalls wäre er noch einmal zurückgekommen, um den Dolch zu holen. Wenn es stimmte, was sie sich überlegten, musste ihr Bruder noch am selben Tage, spätestens aber ein, zwei Tage danach, wieder auf der Burg erscheinen, vielleicht zusammen mit dem Mädchen.

Er kam aber nicht, und so verging noch eine ganze weitere Woche. Schließlich trommelten die Zwillinge die gesamte Burgbevölkerung zusammen und sprachen: "Hört zu! Wir wissen, was ihr von eurem Herrn denkt: dass ihn der Teufel geholt hat, mitsamt dieser kleinen Hure! Das ist für euch tumbes Volk immer gleich das erste und einfachste. Es ist aber falsch! Das sagen wir euch, und wehe dem, der weiter darüber so denkt und redet – er verliert seinen Kopf!" Und dann fingen sie an, faustdick zu lügen: "Euer Herr ist, seit ihr ihn vermisst, zu einer geheimen Mission verreist! In ein paar Tagen ist er zurück." Sie fügten hinzu: "Bis dahin übernehmen wir beide an seiner Stelle das Regiment auf der Burg. Geht jetzt wieder an eure Arbeit!"

"Geheime Mission" hörte sich für die meisten ungebildeten Burgbewohner respektabel und interessant an, und die Drohung, nicht weiter im Zusammenhang mit dem Fürsten an den Teufel zu glauben, tat ein übriges.

Nicht so leicht war es für die Zwillinge, mit der neuen Machtausübung klar zu kommen, die sie angekündigt hatten. Zum einen konnte der vermisste Bruder immer noch zurückkehren. Vielleicht hatte er bestimmte Pläne, von denen sie nichts wussten. Sie fühlten sich von ihm hintergangen und beschlossen, falls er wieder auftauchen sollte und es ohne Aufsehen möglich wäre, ihn umzubringen.

Zum andern waren sie mit ihrer neuen Doppelherrschaft selber nicht zufrieden. Nur einer von ihnen sollte regieren – aber wer?

Als "edle" Ritter besannen sie sich auf das so genannte "Gottesurteil", das ihre Ahnen in solchen und ähnlichen Fällen herauszufordern pflegten: einen öffentlichen Zweikampf auf Leben und Tod nach festgelegten Regeln, zum Beispiel hinsichtlich der Bewaffnung.

Der Kampf fand statt und endete ohne Sieger: beide Brüder hatten sich gegenseitig mit Spieß und Schwert so schwer verwundet, dass sie noch auf der Walstatt ihr Leben aushauchten.

In der Burg brach Chaos aus. Ohne ihre Herrschaft taten alle, was sie wollten. Es gab keine klaren Köpfe, die imstande waren, Ordnung wiederherzustellen und ein funktionierendes Gemeinwesen aufzubauen, bestehend aus Dienern, Handwerkern, Pferde- und Kriegsknechten. An Derartiges konnte niemand auch nur im Traum denken. Die Zeit war nicht reif dafür, und die Ereignisse in der Burg hatten sich zu sehr überstürzt.

So zog jeder für sich durch ihre Räume, nahm mit, was ihm gefiel und zerstörte anderes aus reinem Mutwillen. Die Schatz-, Waffen- und Kornkammer wurden geplündert, die Pferde aus den Ställen geführt. Es bildeten sich Banden, die anderen das wegnahmen, was die sich zusammengeraubt hatten; dabei gab es auch Tote.

Zum Schluss hatten ein paar übermütige Heißsporne den unseligen Gedanken, die fast leer geräumte, scheinbar nutzlos gewordene Burg anzuzünden. Sie warfen an verschiedenen Stellen brennende Fackeln in die hölzernen Teile, und bald stand das ganze stolze Bauwerk lichterloh in Flammen.

Wer nicht mehr rechtzeitig aus der Burg herauskam, verbrannte mit ihr. Anderen, die sich bereits auf den Weg nach unten ins Tal gemacht hatten, ging es nicht besser. Das Feuer hatte auf den umgebenden Wald übergegriffen, der zum großen Teil aus leicht brennbaren, harzhaltigen Pinien bestand. In Minutenschnelle brannte der gesamte Burgberg von der Spitze bis zum Fuß. Vergleichbar war das Ganze mit Sodom und Gomorrha in der Bibel6, nur dass das Feuer diesmal nicht als göttliches Strafgericht vom Himmel fiel, sondern auf menschlicher Dummheit beruhte.

*

Brände dieser Art gab es im Laufe der Zeit in unregelmäßigen Abständen und an verschiedenen Orten immer wieder, sei es durch Blitzschlag, sei es durch unvorsichtigen Umgang mit Feuer. Sie blieben meist lokal und endeten an baum-, strauch- und graslosen Stellen sowie an Wasserläufen und Felswänden. Die verbleibende Asche diente vom Wind, von Vögeln und anderen Tieren herangetragenen Samen als Dünger, und es dauerte meist nur wenige Jahre, bis sich die abgebrannten Gebiete erneut begrünten. Auch stattliche Bäum wie Eichen und Pinien wuchsen nach und nach wieder heran.

An die weit unterhalb der zerstörten Burg gelegenen Stelle, wo die drei Beauftragten des Fürsten Anna gefangen genommen hatten, war wunderbarer Weise ein in dieser Gegend seltenes Samenkorn gelangt: die Ecker einer Blutbuche. Daraus entstand ein ebensolcher Baum von großer Schönheit. Er stand frei und besaß eine herrliche Krone. Besonders in der Abendsonne leuchteten seine Blätter tiefrot. Gelegentliche Wanderer, die dort vorbei kamen und schon viel gesehen hatten, bezeichneten die Buche sogar als die schönste im ganzen Land.

*

Um die Burgruine kreisten am Tage die Falken, und nachts waren die unheimlichen Rufe der Eulen und das klagende Fiepen der Käuzchen zu hören, doch ging kaum jemand mehr dahin. Auch das Fürstengeschlecht, das dort residierte und sich durch eigene Schuld zugrunde richtete, ist längst vergessen.

Anders war es mit dem mutigen Bauernmädchen Anna. Nachdem sich, was sie erlebte, herumgesprochen hatte, dachte man noch lange an sie, anfangs direkt, später nur noch undeutlich und verfremdet.

Im Schatten der Buche war eine Quelle entstanden, die das ganze Jahr, auch bei großer Trockenheit, milde sprudelte. Von den Einheimischen wurde sie Jungfrauenquelle genannt, was auf folgender Legende beruhte:

In der Gegend lebte einst ein wilder Drache. Er überfiel ein schönes Mädchen, das im Walde nach Beeren suchte, und schleppte es in seine Burg. Diese fing Feuer und brannte nieder; doch durch einen rechtzeitigen, beherzten Sprung aus dem Fenster konnte sich die Gefangene retten und flüchtete. Der Drache, als er das bemerkt hatte, rannte mit heißem Atem hinter ihr her; aber als er ihr schon bedenklich nahe war, verwandelte eine gütige Fee das Mädchen in die nun immer noch vorhandene Quelle. Aus Wut und Enttäuschung und in unsäglichem Schmerz stürzte sich der Drache in den Abgrund.

Die Verwandlung einer verfolgten Schönen in eine Quelle gehört zum Mythenschatz von Annas Land und wird in einer Stadt weit im Süden bis zum heutigen Tage wach gehalten7. In ihr lebte und wirkte der weise Archimedes; aber das ist eine andere Geschichte8. . .

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1 ca. 60 cm
2 Dies konnte sie durch ihre Eltern, die es ihrerseits von einem Kaufmann in der Stadt gelernt hatten.
3 aber nicht so fett wie ein anderes "hohes Tier" zur damaligen Zeit
4 Eine Bibel hatten sie nicht im Haus. Davon gab es in der damaligen Zeit nur ganz wenige, überaus kostbare, mit der Hand geschriebene, dazu in einer alten Sprache, die nur noch Geistliche und Gelehrte verstanden. Nach der Erfindung des Buchdrucks wurden Bibelausgaben sehr viel preisgünstiger, und es gab Übersetzungen in aktuelle Sprachen. Deren Verbreitung und privater Besitz waren jedoch lange verboten und wurden streng bestraft. Wikipedia
"Die Tochter seines Bruders Josse, Katharine, heiratete den Bildhauer Jean Beyaert. Beide wurden 1543 von der Inquisition überführt, die Bibel gelesen zu haben. Dafür wurde Katharine vor dem Rathaus in Löwen lebendig begraben, Jean wurde enthauptet." https://de.wikipedia.org/wiki/Quentin_Massys (Abschnitt "Familie")
5 "De mortuis nihil nisi bene" "Über die Toten soll man nichts sagen, es sei denn Gutes."
6 1. Mose 19. Und in neuerer Zeit: http://de.wikipedia.org/wiki/Operation_Gomorrha
7 http://de.wikipedia.org/wiki/Arethusa_(Mythologie)     Arethusaquelle mit Papyruspflanzen
8 http://de.wikipedia.org/wiki/Archimedes

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