Gedanken über einen Unglücklichen, Schwergeprüften

Manchen Menschen ist eines gemeinsam: sie wünschen sich, dass das, was sie denken und glauben, was sie erforscht haben und woran sie hängen, der Nachwelt überliefert wird. Dies geschieht schon seit Jahrtausenden durch Felsinschriften, auf Tontäfelchen, Obelisken, ledernen Schriftrollen, Papyrusseiten und in Büchern. Festgehalten wurden auf diese Weise tatsächliche und erdachte Ereignisse, Gesetzgebungen, Gebete und andere Gedanken.

Ein nicht allzu bekanntes Beispiel, bei dem jemand es als sehr dringend ansah, dass sein trauriges Schicksal und Unglück aufgeschrieben wird ("mit eisernem Griffel ..."), war der biblische Hiob, vgl. hier. Bei ihm möchte ich im Folgenden für den Rest dieser Seite bleiben.

Die Bibel – dies schnell noch vorneweg – ist ein bedeutendes Werk aus über sechzig "Büchern": sie enthält Geschichtliches (Namen von Königen, ihren Feldzügen und Eroberungen, dazu Deportationen der von ihnen unterworfenen Völker), religiös deutbare Liebeslyrik ("Hohes Lied"), Prophetisches, Märchenhaftes (wie das Buch Esther, in dem seltsamer Weise das Wort "Gott" nicht vorkommt) und eben das Buch Hiob, ein sorgfältig und kunstvoll konstruiertes, fiktionales Lehrstück.

Es weist einige bemerkenswerte Besonderheiten auf:

– Hiob war kein einheimischer "Hebräer" (Sammelbezeichnung der Eroberer Kanaans, die sich später in Judäer und Israeliten aufspalteten und eigene Länder bildeten), sondern stammte aus einem Land "Uz", dessen genaue Lage nicht bekannt ist. Dennoch glaubte er an Gott, ob an JHWH oder einen fremden Nomadengott, bleibt anscheinend offen.

– In der Hiobsgeschichte schließt Gott mit dem Satan ein Abkommen, das in den Bibelauslegungen bisweilen als "Wette" bezeichnet wird – eine im Grunde unvorstellbare, skandalös anmutende Handlungsweise, an der jedoch kaum jemand Anstoß zu nehmen schien bzw. scheint, weder in der Antike noch heutzutage.

– In ihr wird der natürliche, in Israel und Juda seit langem verbreitete Grundsatz, dass jeder Mensch von Gott das zugeteilt bekommt, was er gemäß seiner Lebensweise verdient, zumindest zeitweise außer Kraft gesetzt: Hiob erleidet Schreckliches, obwohl er nichts Böses, Sündhaftes getan hat und als fromm und gottesfürchtig gilt. Der sogenannte "Tun-Ergehen-Zusammenhang" ist bei ihm aufgehoben.

– Gott äußert sich Selbst in einer langen Rede (aus einer Sturmwolke heraus) gegenüber dem Unglücklichen. Dabei geht er auf dessen Vorhaltungen und Klagen nicht ein, sondern schildert Seine Eigene Macht und Weisheit in insgesamt vier Kapiteln des Hiob-Buches (38-41).

Diese Selbstdarstellung Gottes (oft in strenger Frageform an Hiob gerichtet) ist eindrucksvoll farbig, detailreich und umfassend, bis hin zu den von Ihm geschaffenen Sternen. Dabei werden zwei riesige Fabeltiere der jüdisch-israelitischen Mythologie namens Behemot und Leviatan ausführlich beschrieben. Bei dem einen könnte es sich um ein überdimensionales Krokodil handeln, das im Schilf des Jordanflusses lebt und sogar Feuer speit. Offenbar sollte durch die zahlreichen bildhaften Vergleiche in der erdachten Rede die unbesiegbare Stärke Gottes veranschaulicht werden.

Hiob unterbricht Gott nicht und weiß Ihm nichts zu entgegnen. Zum Reden aufgefordert, nimmt er alles zurück, was er an Vorwurfsvollem und Negativem über Ihn gedacht und gesagt hat. Gott wendet sich Hiobs Freunden zu, die ihm Falsches einzureden versuchten, und tadelt sie schwer. Hiob betet für sie, und nun kehrt sich alles für ihn und die Freunde zum Besten. Der Todkranke wird wundersam geheilt und in seinen ursprünglichen Zustand als reicher Viehzüchter zurückversetzt, heiratet neu, hat Kinder und lebt danach glücklich und zufrieden noch hundertvierzig Jahre. Dieses, modern ausgedrückt, Happy End, wird dick aufgetragen und vollzieht sich, verglichen mit dem Vorhergehenden, sehr rasch in nur sieben Versen.

Weiter fiel mir noch auf, dass es bei Hiob, anders als bei Christen, nicht um das Weiterleben nach dem Tod in Gottes Himmlischem Reich geht, sondern um die Wiederherstellung von etwas rein Materiellem.

Auch fragte ich mich, worin Hiobs Frömmigkeit bestand, durch die er, wie man damals sagte, ein Gerechter war. Ich vermute, dass Hiob peinlich darauf achtete, alle von den Priestern den Gläubigen eingeschärften Gesetze und Opfervorschriften einzuhalten, und nie etwas davon versäumte oder nur halbherzig erfüllte.

Das genügte Gott anscheinend nicht. Was Hiob noch fehlte, war die Erkenntnis von Gottes Macht, Herrlichkeit und Weisheit, die er erst, als Gott mit ihm aus der Wolke sprach, sich klar machte und diesen Mangel reuevoll bekannte.

In Vers 25 im Kap. 19 des Hiob-Buches heißt es: "Doch eines weiß ich: Mein Erlöser lebt; auf dieser todgeweihten Erde spricht er das letzte Wort!" (Übers. Hoffnung für alle). Dieser Gedanke/Ausruf/Stoßseufzer des von Schmerz und allgemeiner Verachtung Gepeinigten wird von manchen Bibelexegeten und in Predigten in Verbindung mit Jesus Christus gebracht, obwohl dieser mehrere hundert Jahre nach der Entstehung des Hiob-Buches als Mensch auf Erden lebte. Hierbei denke ich aber auch daran, dass Jesus von Sich in Joh.8,58 sagte: "Ehe Abraham wurde, war ich." (In verschiedenen anderen Bibelübersetzungen, sprachlich etwas seltsam: "... bin ich.")

Anmerkung: Nach dem Abkommen mit Gott durfte der Teufel Hiob beliebig quälen, aber nicht töten. Dies erinnerte mich an etwas, das erst gut dreißig Jahre zurückliegt. In der sogenannten, zum Glück untergegangenen "DDR" gab es viele unschuldige politische Gefangene, obwohl dieser Begriff offiziell nicht existierte. In den Zuchthäusern und Strafanstalten wurden sie vom Wach- und Aufsichtspersonal oftmals geprügelt und anderweitig misshandelt, durften aber nicht gänzlich totgeschlagen werden. Im Rahmen ausgedehnter Gefangenenfreikäufe durch die Bundesrepublik, eines modernen Menschenhandels, an dem das Unrechtregime verdiente, waren sie lebend zu liefern.

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