Kommentar

Die Wiedergabe von Psalm 139 auf der letzten Seite entspricht bis auf eine Einzelheit derjenigen des Evangelischen Gesangbuches (EG) der Nordelbischen Kirche unter der Nr. 754. Es fehlen bei mir die Verse "Du hast meine Nieren bereitet..." bis "als ich gebildet wurde unten in der Erde.", die in unserem Zusammenhang nicht von Bedeutung zu sein scheinen.

Etwas anderes ist wesentlicher.

David war König und vor allem Kriegsmann. Schon als Junge tötete er mit seiner Steinschleuder einen Riesen, der ihm seinerseits nach dem Leben trachtete. In der Folge erschlug David zahlreiche weitere Männer und verstümmelte anschließend die Toten auf uns abstoßend erscheinende Weise (1. Sam. 18,27). So ist es nicht verwunderlich, was in Psalm 139 noch steht und in der EG-Fassung weggelassen wird (Luther-Bibel, 1962, Altenburg):

Ach Gott, daß du tötetest die Gottlosen, und die Blutgierigen von mir weichen müßten!
Denn sie reden von dir lästerlich, und deine Feinde erheben sich ohne Ursache.
Ich hasse ja, Herr, die dich hassen, und es verdrießt mich an ihnen, daß sie sich wider dich setzen. Ich hasse sie in rechtem Ernst; sie sind mir zu Feinden geworden.

David kannte noch nicht das Gottesgebot:
"Liebet eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; segnet, die euch fluchen ..." Lk 6,27
1)

Obwohl es von Jesus Christus ausgesprochen wurde, haben Menschen, die sich Christen nannten, aber in Wirklichkeit keine waren, häufig nicht danach gehandelt. Sie bekämpften nicht nur "Ungläubige", sondern diskriminierten, quälten und töteten auch Juden, mit denen sie die Wurzeln ihrer Religion gemeinsam haben.

Hauptsächlich aber brachten sie Christen um, und zwar solche, die nicht exakt so glaubten wie sie. Dabei wurden ganze christliche Bevölkerungsgruppen wie zum Beispiel die Katharer und die Waldenser bis auf minimale Reste ausgerottet: Männer, Frauen und Kinder. Am bekanntesten ist das Wüten der Katholischen Kirche auf diesem Gebiet durch ihr effektivstes Terrorinstrument, die Inquisition. Oftmals mit feierlichem, pseudo-religiösem Pomp und unter dem Geläut der Kirchenglocken verbrannte sie Tausende unschuldiger Menschen als "Ketzer" oder "Hexen" bei lebendigem Leibe, nachdem diese vorher auf das Fürchterlichste gefoltert worden waren. Weniger bekannt ist, daß auch bei den Reformierten im Namen Gottes und des Heilands schreckliche Verbrechen dieser Art verübt wurden, unter anderem durch den Schweizer Johannes Calvin. Der deutsche Schriftsteller Stefan Zweig hat darüber einen spannenden und bewegenden Roman geschrieben ("Ein Gewissen gegen die Gewalt – Castellio gegen Calvin").
2) Als Luther in Wittenberg wirkte und noch längere Zeit danach gab es in protestantischen Ländern ebenfalls Hexenverbrennungen. Der Ermordung von Juden durch die Nationalsozialisten trat die Kirche, von leuchtenden Ausnahmen abgesehen, nur unzureichend entgegen.

Erst seit einigen Jahrzehnten lehnen es Christen weltweit ab, andere wegen ihres Glaubens zu verfolgen oder gar zu ermorden. Statt dessen werden sie selbst, zusammen mit Angehörigen anderer, in der Minderheit vertretenen Religionen in bestimmten asiatischen und afrikanischen Ländern unterdrückt und nicht selten getötet. Der haßerfüllte, intolerante Geist des oben zitierten, im EG fehlenden Psalmteils ist hierbei immer noch wirksam.

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1)Dies klingt ganz anders als noch bei 3.Mose 26,7, wo es heißt: "Ihr sollt eure Feinde jagen, und sie sollen vor euch her dem Schwert verfallen...."
2)Über Castellio, Calvin und Zweig vgl. z. B. hier.

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