In Predigten, Bibel-Hauskreisen und Einzelgesprächen mit anderen Christen hört man bisweilen, die Dreifaltigkeit sei von einem für den Menschen undurchdringlichen Geheimnis umgeben.1 Eine solche mysteriöse Feststellung ist bei Physikern, Ingenieuren, Technikern und allgemein naturwissenschaftlich Interessierten nicht sonderlich beliebt. Sie finden einen Ausweg durch den Vergleich der Dreifaltigkeit mit dem Wasser. Dieses begegnet uns in den drei Aggregatzuständen fest (als Eis), flüssig und gasförmig (als unsichtbarer Dampf). So las ich zum Beispiel hier im Internet:



Damit ist wohl das Richtige gemeint, doch ist es nicht völlig korrekt. Gott ist kein Molekül, und ein einzelnes H2O-Molekül kann nicht Eis, Wasser oder Dampf bilden.

Auch läßt sich die obige Antwort noch erweitern. Welcher Aggregatzustand nämlich gerade vorliegt, hängt von der Temperatur und vom Druck ab. Bei einer ganz bestimmten Kombination der beiden, dem sogenannten Tripelpunkt2 (Tr), treten alle drei zugleich auf. Dies zeigt das folgende Diagramm:


(aus http://www.idn.uni-bremen.de/cvpmm/content/phasenumwandlungen/~wasser.html)

Ganz ähnlich ist es beim geistlichen Leben: Gottes Schöpferkraft, Jesu Heilswirkung und der Heilige Geist als Tröster und Lehrer, oft getrennt wahrgenommen, gehören zusammen und treffen sich in der Dreifaltigkeit. Sie könnte man deshalb auch den "Tripelpunkt" unseres Glaubens nennen.

Dieser anschauliche, auf modernen Erkenntnissen beruhende Vergleich ist ebenso unbiblisch wie die Dreifaltigkeitslehre.3 Er ist inhaltlich neutral, berührt nicht theologische Streitigkeiten, die vor rund tausendachthundert Jahren, zum Teil unter weltlich-politischen Einflüssen, begannen und bis heute andauern. Er stützt nicht den von manchen aus dem Dreifaltigkeitsbegriff abgeleiteten Glauben, daß Jesus es war, der die Welt erschuf, und daß Gott selbst auf die Erde kam, um hier für uns zu sterben.4

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1 "Niemand kann das trinitarische Geheimnis denkerisch bewältigen oder auf irgendeine Weise durchschauen." Bertram Stubenrauch, zitiert in Doris Nauer: Gott- woran glauben Christen?, Kohlhammer Verlag, S. 206, Internet-Leseprobe.
2 Tripel (math.): Dreiergruppe, Dreiheit. Beispiel: pythagoräische Tripel.
3 Stephan Gerber: Die Trinitätslehre - göttliches Geheimnis oder menschliches Konstrukt?
4 Nach dem Alten Testament schuf Gott "Himmel und Erde", (1Mose1,1) und niemand sonst. Nach dem Neuen Testament erschuf Er sie "in" oder "durch" Jesus. (Kolosser1,16, verschiedene Bibelübersetzungen). "In" ist mir unverständlich; "durch" ergibt m. E. Sinn. In der Übersetzung Neues Leben.Die Bibel heißt die Stelle: "Durch ihn hat Gott alles erschaffen, was im Himmel und auf der Erde ist. ..." – Wenn, wie oft in der Bibel erwähnt wird, Jesus Gottes Sohn war, kann er nicht gleichzeitig Gott selbst gewesen sein. Und wenn Jesus, von Gott gesandt (Joh.20,21), zur Erde herabstieg, war es nicht Gott. Kurz vor seinem Tode rief Jesus nach Ihm; somit hing und starb nicht Gott am Kreuz. Ganz davon abgesehen: der Ewige kann gar nicht sterben; das wäre ein Widerpruch in sich.
Unter der Suchzeile "Jesus ist Gott" (mit Ausrufezeichen) werden bei Google über hunderttausend Seiten annonciert, darunter, in Form einer Frage, diese: https://fragen.evangelisch.de/frage/2427/ist-jesus-gott. In ihr wird auf den Unterschied zwischen "behaupten" und "bekennen" hingewiesen. In den anschließenden Leserkommentaren geht es hin und her, ob Jesus Gott ist oder nicht. Eine sehr strenge Antwort vom 12.1.17 unter der Überschrift: "Der Glaube an das Gottsein Christi ist heilsentscheidend!" enthält den Satz: "Der Gottessohn ist Gott ..." – das ist zumindest missverständlich.
Ergänzung
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