Weiteres über das Papst-Testament  aus

SPIEGEL ONLINE,  http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,350219,00.html , 8.4.05:

 

 

Wurde das Testament des Papstes falsch interpretiert?

Von Alexander Schwabe und Wolfgang Büchner


Die Nachricht ging um die Welt: Der Papst soll vor fünf Jahren ernsthaft an Rücktritt gedacht haben. Doch eine genauere Analyse des Testaments ergibt ein anderes Ergebnis. Im Testament spricht der Papst nicht davon, vom Amt Abschied nehmen zu wollen, sondern zum Sterben bereit zu sein.

Hamburg/Rom - Als der Papst in seinem Testament über das Jahr 2000 reflektiert, schreibt er: "Und jetzt, in dem Jahr, in dem mein Leben das achtzigste Jahr erreicht ("octogesima adveniens"), muss man sich fragen, ob es nicht Zeit ist, mit dem biblischen Simeon zu sagen: 'Nunc dimittis'."

In ersten Interpretationen des Testaments Johannes Pauls II. hatte es geheißen, der Papst habe ernsthaft erwogen, sein Amt niederzulegen. Als Anlass habe er seinen 80. Geburtstag und den Beginn des neuen Jahrtausends genannt. Damals litt der Papst bereits an der Parkinsonschen Krankheit. Nachrichtenagenturen und daraufhin auch SPIEGEL ONLINE hatten nach der Veröffentlichung des Testaments mit Bezug auf die Textstelle "nunc dimittis" gemeldet, der Papst habe damit gemeint: Jetzt, wo sein Lebensalter auf die 80 zugehe, müsse man sich die Frage nach einem Rückzug stellen.

Doch das Zitat ist anders zu verstehen. Es stammt aus dem Lukasevangelium, Kapitel 2. Darin ist vom frommen Simeon die Rede, dem der Heilige Geist versprochen hatte, dass er nicht sterben werde, bevor er den Erlöser gesehen habe. Als Maria und Josef den neugeborenen Jesus in den Tempel nach Jerusalem brachten, war Simeon anwesend. Er nahm das Kind in seine Arme und sagte: "Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben den Herrn gesehen."

Das lateinische "nunc dimittis" ("nun entlässt du") wird hier im Sinne des Sterbens Simeons verwandt. So dürfte es auch der Papst verstanden haben. Dafür spricht auch der Kontext in seinem Testament. Im folgenden Absatz spricht er vom Attentat Ali Agcas, an dessen Folgen er fast gestorben wäre. Der Papst schrieb: "Am 13. Mai 1981, dem Tag des Attentats auf den Papst während der Generalaudienz auf dem Petersplatz, hat mich die Göttliche Barmherzigkeit auf wunderbare Weise vor dem Tode bewahrt. Er, der der einzige Herr des Lebens und des Todes ist, hat mir dieses Leben verlängert, in gewisser Weise hat er es mir neu geschenkt. Seit diesem Augenblick gehört es ihm noch mehr."

Auch ein weiterer vom Papst verfasster Satz wurde als Beleg dafür angeführt, dass der Pontifex erwogen habe, sein Amt niederzulegen: "Ich hoffe, er wird mir helfen, zu erkennen, bis wann ich diesen Dienst fortführen soll, zu dem er mich am 16. Oktober 1978 berufen hat." Dieser Satz lässt sich jedoch auch so interpretieren, dass Johannes Paul II. keinesfalls zurücktreten wollte, sondern nur im Notfall, bei einer Verschlimmerung seiner Krankheit dazu bereit gewesen wäre, aus dem Amt zu scheiden. Denn direkt im Anschluss an diese Bemerkung notiert der Papst in dem Testament: "Ich bitte ihn, mich zurückzurufen, wann er selbst es will." Ein klarer Hinweis darauf, dass der Papst die Dauer seines Pontifikats in Gottes Hände legen und nicht selbst darüber entscheiden wollte.

Ferner erklärte Johannes Paul II. in seinem Testament, dass er keine materiellen Güter hinterlasse: "Wir hinterlassen keinerlei Besitz, für den irgendwelche Vorkehrungen getroffen werden müssen." Außerdem ordnet er an, dass alle persönlichen Schriften verbrannt werden sollen. Darum solle sich sein persönlicher Sekretär Stanislaw Dziwisz kümmern, dem er für jahrelange Dienste danke.

Auch die politische Konfrontation vor dem Fall des Kommunismus erwähnt der Papst: "Gelobt sei die göttliche Vorsehung dafür, dass die Zeit des so genannten 'Kalten Krieges' ohne gewalttätigen nuklearen Konflikt zu Ende gegangen ist." In einer Eintragung aus dem Jahr 1980 beklagt der Pontifex auch eingehend die Verfolgung der Kirche. "In einigen Ländern befindet sich die Kirche in der Phase einer derartigen Verfolgung", die nicht geringer als in den ersten Jahrhunderten des Christentums sei. Der Grad "der Unmenschlichkeit und des Hasses" sei heute sogar noch schlimmer.

Zur Kirchenpolitik erklärt Johannes Paul in seinem Nachlass, die Modernisierungs-
bemühungen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) sollten fortgeführt werden. Dessen Ergebnisse seien "ein großes Geschenk", aus dem auch künftige Generationen noch schöpfen könnten.

Johannes Paul schrieb über 26 Jahre hinweg immer wieder an seinem Testament. Die Arbeit daran begann er bereits 1979, ein Jahr nach seiner Wahl zum Papst. Das Dokument ist auf Polnisch verfasst; der Vatikan übersetzte es ins Italienische.

Zum Fall seines Todes erklärte der Papst, dass er die Möglichkeit einer Bestattung in seinem Heimatland Polen erwogen habe. Dann habe er aber beschlossen, die Entscheidung darüber dem Kollegium der Kardinäle zu überlassen. Diese entschieden, dass Johannes Paul II. in den Vatikanischen Grotten unter dem Petersdom beigesetzt wird. Im Testament wünscht er sich, wie Papst Paul VI. 1978 in einem normalen Sarg in der Erde beigesetzt zu werden, und nicht - wie in der Vergangenheit bei Päpsten häufig üblich - in einem Sarkophag.

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